Der SV-Platz in Göppingen glich am 30. Mai 1976 einem einzigen Tollhaus, am Spielfeldrand sprangen die Offiziellen des TVU jubelnd hoch, auf dem Spielfeld lagen sich 13 überglückliche Spieler jubelnd in den Armen.


Soeben hatte der Zweitamateurligist TV Unterboihingen seinen Pokalhöhenflug mit dem größten Erfolg in der Vereinsgeschichte gekrönt. Er wurde durch einen 4:3 Sieg über den hohen Favoriten SSV Ulm 1846 neuer WFV-Pokalmeister in einem Endspiel, wie es spannender nicht hätte sein können. Mit Sicherheit wird dieser Tag in die Annalen der Unterboihinger eingehen. Und wie drei Tage zuvor im Halbfinale gegen den VfR Heilbronn wurde es, erst im Elfmeterschießen mit dem allerletzten Strafstoß entschieden, nachdem selbst die Verlängerung noch keine Entscheidung gebracht hatte. (1:1).

Zahlreiche rotweiße Fahnen und Fähnchen, einstudierte Sprechchöre, oftmals unterbrochen von schrillen Pfeifkonzerten waren die Begleitumstände bei der großen Fußballschau, die abgesehen von der Torausbeute eigentlich alles bot, was ein Fußballerherz begehrte. Temporeiche, mit hoher Technik servierte Spielzüge wie aus der Fußballfibel und zahlreiche interessante Torszenen auf beiden Seiten trieben die knisternde Spannung und Dramatik recht bald auf den Höhepunkt. Und staunend registrierten die favorisierten „Ulmer Spatzen“ und deren Anhänger, dass der rangniedere Außenseiter hier durchaus mitzuhalten vermochte. Ja, nachdem die anfängliche Nervosität abgestreift war, lösten sich die Rotweißen immer mehr aus den Fängen des Gegners und machten das Spiel.

In der Anfangsphase drückte Bundesligaschiedsrichter Schraivogel aus Biberach zweimal beide Augen zu, als Bruno Großmann hart an der Torraumlinie von Nussbaumer glatt umgesäbelt wurde und ließ weiterspielen. Und als nur Sekunden später Helmut Großmann Torhüter Crnkovic gekonnt ausspielte, zögerte der glänzend disponierte TVU-Mittelfeldmotor etwas zu lange, sodaß der energische Berti dazwischenfahren konnte. Wenig später wurde dann TVU-Torhüter Hermann bei einem tückischen Bochtler Flachschuß ernsthaft geprüft. Doch endlos größer war dann das Durcheinander auf der Gegenseite in der 33. Minute. Torjäger Bruno Großmann hatte eine Striegel-Flanke per Kopf an die Querlatte verlängert, Stetters Nachschuß holte der überragende Ulmer Libero Kubanczyk für seinen bereits geschlagenen Torwart von der Linie.

Nach dem Seitenwechsel etwas andere Verhältnisse. Die Rollen schienen jetzt vertauscht. Offensichtlich machte sich jetzt doch etwas nachteilig die 120-minütige Pokalschlacht und der starke Kräfteverschleiß vom Donnerstagsspiel beim TVU bemerkbar. Die Ulmer bekamen nach und nach Oberwasser. So musste Unterboihingens Torhüter Gerhard Hermann einmal gegen Hillers Schuß kräftig zupacken und als Eißler im Strafraum der Rotweißen umgestoßen wurde, spielte der Unparteiische ausgleichende Gerechtigkeit. Als in der 68. Minute der beste Ulmer, Libero Kubanczyk nach einem Luftkampf mit Norbert Großmann verletzt vom Platz getragen werden musste und der Ulmer völlig benommen mit einer Gehirnerschütterung aufgeben mußte, rüstete der TVU seinerseits zur Schlussoffensive. Mit beherzten Angriffen sorgte die Unterboihinger noch einmal für viel Herzklopfen und Aufregung auf den Rängen. Doch alle Angriffe verpufften, weil u. a. Hans Striegel als zielsicherer Schütze versagte und Torjäger Bruno Großmann im zweiten Durchgang vom kleinen, aber giftigen Berti in Manndeckung genommen und wirkungsvoll beschattet wurde.

In der Verlängerung musste so Helmut Großmann für seinen Bruder in die Bresche springen. Und er tat dies bereits in der 91. Minute, als er nach schöner Vorarbeit von Striegel den Ball unten an die Innenkante des rechten Torpfostens feuerte, von wo aus der Ball vollends zum vielumjubelten 1:0 ins Netz rutschte. Die nun vorher etwas recht müden Schützlinge von Dieter Necker bekamen neuen Auftrieb und die „zweite Luft“. Stetter und Striegel hätten jetzt eigentlich alles klar machen können. Aber der unermüdlich rackernde Mann mit der Nr. 11 auf dem Rücken zog den Ball knapp vorbei und Striegel traf nur das Außennetz. Beide Kontrahenten gingen wie zwei angeschlagene Boxer pausenlos aufeinander los und suchten den offenen Schlagabtausch in dieser dramatischen Schlussphase. Die versäumten Torchancen des TVU sollten sich noch bitter rächen. Als alles schon mit einem knappen Ausgang rechnete und die TVU-ler dem Ende entgegenfieberten, jagte der vorpreschende Berti in der 116. Minute die Kugel aus vollem Lauf in die Maschen des TVU-Gehäuses.
Totenstille beim Anhang der Rotweißen, die Ulmer waren psychisch vielleicht wieder leicht vorne. Es musste also wiederum ein Elfmeterschießen den Sieger und so den neuen WFV-Pokalmeister bestimmen.

Ulms Senior Bochtler machte dabei den Anfang und scheiterte sogleich am glänzend reagierenden TVU-Torhüter Hermann. Wenig später ahmte der Ulmer Torhüter dieses Kunststück nach, als er Kimmerles gut geschossenen Strafstoß um den Pfosten drehte. Meier (Ulm) und Bruno Benz machten ihre Sache besser und trafen. Als jedoch Ulm’s Torjäger Hiller, der ansonsten bei der TVU-Abwehr während des gesamten Spieles gut aufgehoben war, den Ball über die Latte schoß, keimte neue Siegeshoffung auf. Diese bekamen freilich gleich einen Dämpfer, denn Norbert Großmanns Elfmeterball prallte vom Innenpfosten ins Feld zurück und sein Gegenspieler Nußbaumer stellte das Ergebnis wieder in die Waage: 3:3! Es kam also auf die letzten Schützen an. Ulms sehr guter Abwehrspieler Berti scheiterte mit seinem Schuß an dem die richtige Ecke förmlich riechenden Hermann.

Als aber Theo Stetters Strafstoß im Netz zappelte und damit das 4:3 für den Pokalschreck feststand, brach ein Riesenjubel aus, der sich nach Abpfiff noch zum Orkan steigerte.

Was kaum jemand für möglich gehalten hatte, war Wirklichkeit geworden: Der „David“ TV Unterboihingen hatte die Pokalsterne vom Himmel geholt und sich für immer einen Platz in der TVU- Geschichte gesichert. Verdient, wie selbst WFV-Spielausschußobmann Hans Kindermann neidlos bei der Siegerehrung anerkannte.

Den WFV -Pokalsieg errangen folgende Spieler:

(von links stehend) Hans Striegel, Norbert Großmann, Erwin Kimmerle, Bruno Benz, Bruno Großmann, Theo Stetter, Rolf Goldmann, Helmut Großmann, Trainer Dieter Necker, (von links kniend) Roland Großmann, Walter Klein, Willi Ruff, Gerhard Hermann, Bernd Baumann und Lothar Großmann.

Zu einer Triumphfahrt durch die Stadt wurde dann die Heimkehr am Sonntagabend für die Unterboihinger Fußballer. In mehreren Fahrzeugen fuhren sie durch die Stadt und im offenen Wagen präsentierten sie jenen WFV-Pokal, den sie Stunden zuvor in einem denkwürdigen Match gegen die „Ulmer Spatzen“ errungen hatten. Nach einem gemeinsamen Essen im Hotel Keim ging es ins Vereinsheim, das prallvoll bis auf den allerletzten Platz belegt war. Die ausgelassene Stimmung erfuhr noch eine Steigerung, als gegen 23 Uhr der Wendlinger Musikverein, stellvertretend für die Unterboihinger Musiker (die in Ungarn weilten), auf den Platz kamen und unter Flutlicht auf dem Platz den „Helden von Göppingen“ ein Siegesständchen darzubringen. Die Feier endete –gebührend für so ein Ereignis- erst in den frühen Morgenstunden.
Auch die Stadt Wendlingen ehrte am 4. Juni 1976 mit einer kleinen Feier vor dem Rathaus die WFV-Pokalsieger.

Zur Erinnerung an diesen schönen Erfolg erhielten die Akteure und ihr rühriger Trainer eine kleine Gedenkmünze. Der damalige Bürgermeister Helmut Kaiser sprach unter dem tosenden Beifall der vielen Fans: „Der TV Unterboihingen hat sich um diese Stadt verdient gemacht!“ Stadtrat Andreas Knutzen, als Verteter des Gemeinderats, übergab als Geschenk einen Ball und hatte eine Vision, dass die Unterboihinger demnächst mit der „Salatschüssel“ dem DFB-Pokal, in Wendlingen auftauchen. TVU-Vorsitzender Alfons Straub meinte, der Erfolg sei der Mannschaft nicht in den Schoß gefallen. Er dankte seinen Spielern und den vielen treuen Fußballfans des Vereines und sagte: „Allen Unkenrufen zum Trotz habt ihr den Pokal nach Wendlingen geholt!“

Gerührt war vor allen Dingen der im Jahre 1990 allzu früh verstorbene TVU Trainer und Garant des Erfolges Dieter Necker, den die Fans mit ihren Rufen: „Dieter-du-mußt-bleiben“ zum Weitermachen aufforderten. Einen schöneren Abschluß als den Gewinn des WFV-Pokals hätte er sich wohl auch kaum wünschen können.